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Zur Fassade.

Im Jahre 2014 überraschte die Nord- und Südfassade den Betrachter mit kurios anmutenden verputzten Teilflächen. Erschrocken kamen viele Fragezeichen auf. Fakt ist, dass das äußere Mauerwerk der Stiftskirche mit den Jahren stark angegriffen wurde und es Zeit ist zum Handeln. Die Denkmalschutzbehörde sah wohl die einzige Möglichkeit einer Rettung in einem Verputz. Andere Sanierungsoptionen scheinen zu teuer. Deshalb wurden verschiedene Putzarten und -Ausführungen testweise aufgebracht. Sieht nicht schön aus, ist wohl aber notwendig.

Für eine rein weiße, glatte Oberfläche hat man sich glücklicherweise nicht entschieden. Verschiedene Farbabstufungen und Oberflächenstrukturen kann man seit dem besichtigen.

Weiteres hat die Öffentlichkeit dazu nicht erfahren bzw. wahrgenommen. 

Eine einzige Information konnte jedoch ausgemacht werden. Das Projekt nennt sich "modellhafter Oberflächenschutz eines anthropogen geschädigten Natursteinmauerwerks" und wird im Förderzeitraum 05/2014 bis 05/2015 mit 9.978,00 Euro von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert.

Am 11.02.2015 berichtete die Freie Presse zum Thema: http://www.freiepresse.de/LOKALES/CHEMNITZ/Naturstein-Fassade-der-Stiftskirche-soll-verputzt-werden-artikel9111821.php

Nun bleibt abzuwarten, ob man die Aussage der Unteren Denkmalschutzbehörde, die Kirche sei einst abgeputzt gewesen, auch durch Belege untermauern kann. Einzig bei Löffler (1971) in "Das christliche Denkmal" findet sich auf Seite 12 der Halbsatz "ursprünglich geputzten Wände". Bei einer solche großen Aktion, die komplette Kirche vom Verputz zu befreien, das Mauerwerk zu reinigen und neu zu verfugen, hätten müssen verschiedene Autoren wenigstens ein paar Sätze darüber verlieren müssen. Kretschmar publizierte 1891 als erster nach den Bauarbeiten von 1886/87 und erwähnt in keiner Silbe Näheres.

Eine Frage steht nun seit dem im Raume: Wie schlimm ist eigentlich eine verputzte Ebersdorfer Kirche?

Nun ja, den Charme eine Natursteinkirche wird sie verlieren. Die Optik wird dann an eine simple abgeputzte Stadtkirche erinnern. Ein wesentliches Merkmal würde ihr fehlen.

Nicht vorenthalten werden soll an dieser Stelle auch ein - leider nicht gedruckter - Leserbrief aus berufenem Munde. Der Ehrenamtlich Beauftragte der Denkmalpflege für die Stadt Chemnitz und  Experte für Natursteinwerkstoffe Dipl. Min. Dr. rer. nat. Dr. sc. phil. Frieder Jentsch überlies seine Meinung zur bevorstehenden Kirchensanierung:

Mit Sorge verfolge ich die Bemühung, die Stiftskirche in Ebersdorf verputzen zu wollen. Wenngleich auch Schäden von wenigen Zentimetern Tiefe bei meterdickem Mauerwerk an den Kristalltuff-Steinen zu beobachten sind, ist die Frage, inwieweit eine Putzauflage dem in erster Linie durch Grundwasser und Schäden an den Dachrinnen verursachten Verwitterungsprozess Einhalt gebietet oder aber ein erneutes Ablösen des Putzes zu befürchten ist. Immerhin hat man seinerzeit die Entscheidung getroffen, den alten Putz abzunehmen und das Bruchsteinmauerwerk freizulegen, aus bloßer Erfahrung heraus und ohne die mineralogische Zusammensetzung des Gesteins im Detail zu kennen. Eine solche Erfahrung ist beispielsweise die, dass auf Porphyrtuff Putz nur bedingt halten würde. Sollte der Putz aber tatsächlich nicht halten, ist die Gefahr von herunterbrechenden Teilen erst recht gegeben.
Außerdem wird mit der neuen Fassade ein wesentliches Stück Einblick in die Baugeschichte auf Nimmerwiedersehen verwehrt. Als Richtigstellung zum Artikel erlaube ich mir auch anzumerken, dass am Bau drei Porphyrtuffe verarbeitet wurden: Der Kristalltuff als Hauptmaterial des Baukörpers, der Zeisigwalder Normaltuff für Ergänzungen und Ausbesserungen und der Rochlitzer Porphyrtuff am Hauptportal. Zudem sind Ausbesserungen am Südgiebel mit Quarzporphyr von Furth vorgenommen worden.
Insgesamt halte ich das Projekt zur Verputzung für sehr bedenklich, das hier aber weiter auszubreiten, ist leider nicht der Platz gegeben.

Es gibt auch Stimmen, welche meinen, die Kirche sei bereits früher verputzt gewesen. Dieser These soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden.

In der Literatur sei auf das Werk "Die Romanischen Dorfkirchen des Magdeburger Landes - Untersuchungen einer Bauform des 12. und 13. Jahrhunderts" von Jochen Roessle verwiesen. Dort findet sich auf Seite 93 zumindest ein Hinweis, dass "die Frage nach der ursprünglichen Verputzung der romanischen Dorfkirchen des sächsisch-niedersächsischen Raumes" bislang nicht näher untersucht worden sei. Er vertritt dort die Annahme, dass in der Regel nicht von einer flächendeckenden Verputzung auszugehen ist. Weiter ist es seiner Meinung nach wahrscheinlicher, dass aufgrund einer eher ökonomischen Bauweise  auf den "zusätzlichen Auftrag eines kostspieligen Flächenputzes" verzichtet wurde. Er ist sich aber auch bewusst, dass die Befundlage seiner Untersuchungsobjekte bei Weitem nicht ausreicht, um allgemeingültige Aussagen zu treffen. Ein Indiz sind sie aber allemal.

Die untere Denkmalschutzbehörde meint, an den Wehrtürmen "sei der Putz noch erhalten". "Noch" müsste eigentlich durch ein "wieder" ersetzt werden, denn der Putz ist gut ein halbes Jahrhundert alt; die Türme wurden gegen Ende der 1960er Jahre abgeputzt. Dieser erscheint heute so, als ob er schon immer an der Fassade hing... Niemand stört sich daran.


unverputzter Westturm

 

 
verputzter Westturm, der Putz soll aus den 1960er Jahren stammen

 

der unverputzte Nordturm 1953

 

die unverputzte Kapelle 1967

 

 
unverputzte Kapelle


Die Abbildung des südlichen Wehrturmes bei Löffler 1971 zeigt noch einen unverwitterten Putz, wenige Jahre alt.

Nun zur Kirche. Sämtliche Abbildungen, seien es alte Fotos, Zeichnungen oder gar Stiche aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen die Kirche stets mit Mauerwerksfugen. Sind vereinzelt in den Zeichnungen keine solche zu erkennen, so heißt dies nicht, dass ein Putz diese verdeckte, sondern ist eher den Ausführungen des Künstlers geschuldet. Alls einzige gedruckte Quelle erscheint bis dato nur das Ebersdorfer Kapitel in Mitteilungen des Chemnitzer Geschichtsvereins, Jahrbuch 66, Neue Folge V, "Zur Geschichte der Chemnitzer Vororte", 1996, wo der Autor Dieter Bock auf Seite 101 kur "die geputzten Wände" erwähnt, ohne jedoch eine Quelle anzugeben. - also auch kein Beweis -

Ein Argument wird jedoch angeführt, wenn es um Putz an der Ebersdorfer Kirche geht. In Richard Steches Werk "Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen" in der sechsten Ausgabe "Amtshauptmannschaft Flöha" aus dem Jahre 1886 finden sich zwei Fotografien der Portale, welche ringsherum Putz zeigen. Es waren also zumindest die Abschnitte bis zu benachbarten Schmucksimsen um die Portale verputzt und angeblich farbig bemalt.

 

 

Leider oder zum Glück zeigt Steche auch Zeichnungen der Außenfassaden, welche jedoch komplett Mauerwerksfugen zeigen. Hätte sich der Zeichner diese Mühe gemacht, wenn doch eigentlich ein Putz die Steine verdeckte?